Kostenlosmentalität
Viele Autoren und Verlage führen im Kampf gegen die sogenannte “Kostenlos-Mentalität” ins Feld, dass der Aufwand für die Erstellung eines Buches so unheimlich hoch ist. Ergo wäre es unverantwortlich, Bücher als PDF einfach so zum kostenlosen Download anzubieten… zusätzlich zum Verkauf als Print- oder E-Book-Version! Wer kauft da noch Bücher?
Ein Werk (besonders ein geistiges) ist immer nur soviel wert, wie andere dafür zu zahlen bereit sind. Entsprechend gäbe es meiner Meinung nach drei Wege zur Abhilfe:
Gemeinschaften bilden, um die gemeinsamen Interessen nachhaltiger vertreten und damit die Rahmenbedingungen (Inhalte, Preise etc.) bestimmen zu können
Verlage schließen sich zusammen, um gemeinschaftlich Mindeststandards zu setzen.
Das hat solange funktioniert, wie die Autoren auf Verlage angewiesen waren, um gelesen zu werden. Und es gipfelt in so Dingen wie Buchpreisbindung und 19% MwSt. für E-Books. Das kann die Lösung nicht sein und zeugt eher vom Festhalten an überkommenen Dogmen.
Dass (Indie-)Autoren sich zusammenschließen, habe ich noch nicht mitbekommen. Der Autor als solcher scheint eher der “Einzelkämpfer”-Typ zu sein. Und doch war es nie in der Geschichte der Menschheit einfacher als heute, sich zu vernetzen und zu solidarisieren.
So bleibt es tatsächlich an jedem Einzelnen hängen, sich darum zu kümmern, gelesen zu werden. Und auch die Fehler und Misserfolge der anderen zu wiederholen.
Ob kostenlose PDF-Versionen der Weg sind, ist sicher nicht pauschal zu sagen. Der Autor Cory Doctorow beweist, dass es geht.
Wertschätzung lehren
Bereits in der Schule sollte es in alle Schulfächer eingeflochten werden:
Die Wertschätzung für die (kreative) Arbeit anderer. Ich bin fest davon überzeugt, dass man auch Jugendlichen Dinge wie Creative Commons, Qualitätsbewusstsein und souveränen Umgang mit (digitalen) Medien nahebringen kann. Aber wer soll das übernehmen? Lehrer? Eltern? Derzeit kümmern sich Menschen um Erziehung und Ausbildung, die von den digitalen Themen weitgehend überfordert sind.
Ergo sind die Kiddies sich selbst überlassen und bilden Schwarmtugenden aus: Räubern und Tauschen sind ok; ich muss nicht selber kreativ sein, um cool zu sein. Die Kopie des neuesten Albums von XY genügt…
Abhilfe ist nicht in Sicht: Schulen sind leider keine Banken (a.k.a. “systemrelevant”.)
Den Menschen mehr Geld geben
Wer wenig oder kein Geld hat, dem ist Qualität und Wertschätzung zunächst schnurzegal. Dann wird geräubert, was die Bandbreite hergibt. Zumal der unbedingte Bedarf ja tagtäglich durch Werbung und Gesellschaft unterfüttert wird: Ich habe nicht das Geld, mir das neue Album oder das neue Buch von XY zu kaufen, also ziehe ich mir die “internetverwahrte Sicherheitskopie”…
Kulturgüter kosten eben Geld, das übrig sein muss, nachdem die Grundbedürfnisse gedeckt sind (eine ausgeglichene Grundbildung und -haltung im Bereich “Kultur” und angeschlossener Industrie mal vorausgesetzt, die bedingt, dass man überhaupt Geld für Kultur ausgeben möchte).
Fakt ist:
Die Kostenlos-Mentalität existiert. Und es gibt kaum Bestrebungen seitens Politik oder Wirtschaft, das im Kern zu ändern (gerade die Rechteverwerter- und -verfolgerlobby verdient doch sehr gut daran).
Es existiert offensichtlich kein anstrengungsloser Weg, diese drei angesprochenen Punkte in den Griff zu bekommen. Wenn sich also ein Autor über ungewöhnliche und auf den ersten Blick kannibalisierende Vermarktungswege Gedanken macht und bereit ist, aus der Jahrhunderte alten Standarddenke auszubrechen, dann ist das unbedingt zu begrüßen.
Einen Systemwechsel wird aber auch das nicht auslösen, weil es nicht an den Ursachen rüttelt.
Ich gehe ehrenamtlich an Schulen, um Schülern, Lehrern und Eltern etwas über die unbegrenzten kreativen und sinnstiftenden Möglichkeiten (und auch über die Gefahren) des Internets zu vermitteln; um ihnen beizubringen, wie erfüllend es ist, etwas zu erschaffen, und wie frustrierend es sein kann, wenn andere sich dieses Werk plump aneignen.
Was machen Sie?



Toller Beitrag, den ich leider erst jetzt gelesen habe. Auch wenn das mit der Wertschätzung in der Tat so eine Sache ist, so denke ich, dass es kaum anders geht, als über das (langsame, ganz langsame) Verändern von Bewusstseinsinhalten. Mit Gesetzen etc., d.h. auf der struktruellen Ebene, erreicht man meiner Meinung nach jedenfalls nichts – außer dem Gegenteil des Intendierten. Die Musikbrache hat das gezeigt. CC-Lizenzen könnten aber ein Weg sein, hier neue Anreize zu schaffen. In der Musik machen das inzwischen so einige (kostenlose Downloads etc.), was die Qualität des Live-Spielens nicht eben gemindert hat. In der Literatur machen das aber bisher kaum welche, von Zusammenschlüssen von Indie-Autoren ganz zu schweigen. (Die Quandary Novelists mal ausgenommen, aber wieviele das sind, weiß ich nicht. http://www.the-quandary-novelists.com/) Jedenfalls scheint es mir keinen Königsweg zu geben, nur das beständige Probieren, Ausloten, Verwerfen und Neuansetzen. Aber vielleicht ist das ja auch ein Prinzip…
Matthias R.
19. Januar 2012 um 23:59