Bitcoin: Just my two Bitcents
Seit einige Alpha-Blogs darüber berichtet haben, hat sich um Bitcoin ein regelrechter Hype entwickelt. Hier nach längerer Beobachtungszeit ein paar meiner Gedanken dazu.
Dieser Tage stürzen sich immer mehr Leute auf Bitcoin, mit gesundem Halbwissen und teilweise durch die Gier nach Reichtum angetrieben: Geil, ich mach’ jetzt mein eigenes Geld!
Die Banken im Spiel
Liebe Leute, was glaubt ihr eigentlich, was die wenigen Bitcoins (oder eher Bitcents) in eurem Wallet so wert sind? Aktueller Umtauschkurs für einen Bitcoin ist beispielsweise heute, 02.05.2011, etwa 7,53 Euro. Toll! Ein Early Adopter, der seit Beginn (erster Block gelöst: 09.01.2009) dabei ist und mittlerweile vielleicht 100.000 Bitcoins geschürft hat, besäße damit satte 753.000 Euro in seinem Wallet (es sind derzeit fast 6,5 Mio Bitcoins im Spiel. Die Wahrscheinlichkeit für den Besitz von 100.000 Bitcoins ist also nicht abwegig; Satoshi dürfte ein paar mehr haben).
100.000 Bitcoins sind aber leider tatsächlich nur auf dem Papier 753.000 Euro wert. Es müsste jemanden geben, der diese Geldmenge an Offline-Währung verfügbar hat, um die Bitcoins tauschen zu können. Und tauschen zu wollen. Banken zum Beispiel, die im echten Leben bereits über ausreichende liquide Mittel verfügen und Geldmenge, Zinsen und damit Geldwert steuern.
Wäre ich eine Bank, dann hätte ich längst einen Bruchteil meiner Hochleistungs-Serverfarmen auf die Erzeugung von Bitcoins angesetzt. Denn selbst mit diesem Bruchteil sähe jede noch so hochgepowerte CPU/GPU-Mining-Farm erbärmlich aus. Ich würde einen Großteil der Bitcoins abschöpfen, alle Bitcoinbörsen beherrschen und damit den Wechselkurs bestimmen.
Interessiert es mich dann, wer wann für wieviel Bitcoins mit wem handelt (Stichwort: Anonymität)? Nicht die Bohne! Denn letztendlich landet ein Großteil der Bitcoins wieder bei mir. Ändert sich also irgendetwas im Vergleich zum Standard-Offline-Währungssystem? Nein, nicht wirklich. Die Bank würde wieder das Spiel bestimmen und es zu ihrem Vorteil ausnutzen. Gleiches Spiel, ähnliche Regeln, andere Karten. Ich als Bank würde übrigens einen Teufel tun, das System verbieten zu wollen (und das würde ich meinen Spezis in den Regierungen auch deutlich machen). Wenn ich die Währung kontrolliere, kann nur ich zum Beispiel Geldwäsche im großen Stil betreiben. Wie praktisch…
Die Bindung an Offline-Währungen
Geld ist überaus sinnvoll. Es befreit Anbieter und Verbraucher von der Last, ständig Tauschgüter mit sich herumschleppen zu müssen (25 kg Mehl gegen 2 Schafe). Es ermöglicht, die Tauschgüter zu abstrahieren, sobald man sich auf einen gemeinsamen Wertmaßstab geeinigt hat. Dummerweise hat sich irgendjemand mal gedacht, ein seltenes wie relativ nutzloses Metall als Wertebasis zu bestimmen: Gold. Sieht auch über Jahrtausende toll aus und hat einige für die Elektronik, Physik und Chemie förderliche Eigenschaften. Das war’s im Wesentlichen. Auf einer einsamen Insel aus purem Gold verdurstet man genauso schnell, wie auf einer einsamen Insel aus Scheiße (König Midas lässt grüßen). Im realen Leben wird sich das so einfach nicht mehr ändern lassen.
Doch die Bindung der Bitcoin-Tauschbörsen an US-Dollar, Euro, Britsche Pfund, Rubel etc. macht nichts anderes: Sie bindet den Bitcoin schlussendlich an den Wert des Goldes (was offensichtlich vielen Nutzern die Geldsymbole in die Augen treibt). Allerdings mit sehr viel höheren Schwankungen, da die Tauschbörsen derzeit den Bitcoin-Rush ausnutzen; das Mantra von Angebot, Nachfrage und Selbstregulierung des Marktes.
Es wird in den Blogs und Foren viel darüber spekuliert, ob und wann die etablierten Geldsysteme zusammenbrechen, und ob Bitcoins eine mögliche Alternative darstellen. Derzeit durch die enge Bindung an Dollar und Co. ist das wohl eher nicht der Fall. Denn wenn es tatsächlich keinen Dollar und keinen Euro mehr gibt, was ist der Bitcoin dann noch wert? Was sollen die Tauschbörsen dann anbieten? Mehl und Schafe?
Bitcoin-Wertebasis
Die Bitcoin-Gemeinschaft sollte sich schnell auf eine gemeinsame, unabhängige Wertebasis einigen. Was könnte das aber sein? Wie kann ich entscheiden, was mir ein Blogartikel wert ist, den ich gerne mit Bitcents wertschätzen möchte? Wieviel Bitcoins will ich für ein Buch, einen Laptop, eine Kaffeemaschine bezahlen? Ohne eine gesunde Einschätzung des Werteverhältnisses bleibt es ein Glücksspiel.
Es müsste wertvoll sein, nicht nutzlos. Brot zum Beispiel. Oder ein Liter Wasser. Wenn ich im Gefühl habe, was ich für Brot oder Wasser zu bezahlen bereit bin, dann habe ich einen ersten Anhaltspunkt: 1 Bitcoin für ein Brot, dann ist mir der Blogartikel 0,25 Bitcoins wert.
Allerdings würde ich Brot und Wasser sowie alle Artikel des täglichen Grundbedarfs nicht mit Bitcoins kaufen. Dafür würde ich reales Geld benutzen. Oder ich könnte über Regionalwährungen und lokale Tauschbörsen die Region stärken und die Banken draußen lassen.
Eine digitale, also abstrakte Währung bräuchte eine digitale und ebenso abstrakte Wertebasis. Das könnte zum Beispiel das Vertrauen selbst sein, dass die Gemeinschaft in Bitcoins setzt.
Zu Beginn der Münzherstellung entsprach der Materialwert der Münze ihrem Geldwert. Das wurde im Laufe der Zeit abgeschafft: Heute tragen wir Papierlappen mit uns herum, die dem Materialwert gegenüber einen vielfachen Geldwert besitzen. Mit Bitcoins könnte die frühe Zeit der Material-Geldwert-Parität wieder aufleben:
Der Geldwert eines Bitcoins entspricht seinem Vertrauenswert. Wie das im Einzelnen aussehen könnte, kann ich hier nur sehr schwer abschätzen. Eventuell wird jedem neuen Block eine Prüfsumme angehängt, die das aktuelle Vertrauen der Gemeinschaft in Bitcoins wiedergibt. Und ähnlich, wie man Ebayverkäufern mit 1000 zu 100% positiven Transaktionen vertraut, bestimmt diese Block-Prüfsumme den Wert eines Bitcoins.
Inwiefern der Bitcoins-Vertrauenswert als Wertebasis dienen könnte (vielleicht mit Einfluss auf eine Transaktionsgebühr?), oder welche Möglichkeiten es sonst gäbe, könnte von versierteren Bitcoinern geprüft und durchgespielt werden, als ich es bin. Vorausgesetzt, es besteht ein Interesse daran, Bitcoin stark und vor allem unabhängig zu machen.
Ist die Idee Bitcoin noch zu retten?
Ich befürchte (Bauchgefühl…), die Banken haben ihre Finger bereits im Spiel; vielleicht aktiv, aber zumindest passiv. Entsprechend ist nur noch ein geringer Teil der verfügbaren Bitcoins für ein unabhängiges Geldsystem verwendbar: Die vielen Klein- und Kleinstbeträge, die in den verschiedenen Wallets der privaten Bitcoin-User herumdümpeln.
Neue Bitcoins/-cents können eigenständig nur über Teilnahme an Mining-Pools erworben werden. Wer also darüber hinaus Bitcoins haben möchte, der ist auf die Spendierfreudigkeit der Early Adopter angewiesen oder muss sich die Bitcoins über Tauschbörsen besorgen; zu Kursen, die sich an Offline-Währungen orientieren. Und solange Bitcoins ihren Wert nur über Dollar, Euro und Co. definieren, wird es kein unabhängiges, sondern nur ein untergeordnetes Geldsystem bleiben.
Warum aber sollte ich mit Bitcoins bezahlen wollen, wenn ihr Wert beständig steigt? Nicht nur die reichen Bitcoiner werden ihren Besitz in Offline-Währungen messen und solange horten, bis sie gewinnträchtig aussteigen können (Tausch gegen Dollar etc.). Was nicht zwingend gleichbedeutend ist mit: Die Bitcoins stehen dem System wieder zur Verfügung. Sie müssen bei den Tauschbörsen (Banken mit der erforderlichen Wertdeckung?) wieder gegen Dollar und Euro erworben werden.
Und irgendwann im Laufe dieses Jahres fängt irgendjemand an, Zinsen für Bitcoins zu verlangen…
Nein, ich befürchte, die eigentlich gute Idee Bitcoin wird untergehen, wenn es nicht gelingt, ein autarkes Wertesystem zu etablieren. Was sehr schade wäre. Wer einmal einige Bitcents überwiesen hat, wird von der Einfachheit, Transparenz und Schnelligkeit begeistert sein.



Die Belohnung der Early Adopter war aber ein nötiger Schritt, um der Währung Starthilfe zu geben. Bei einer anreizbasierten Ökonomie muss man eben Anreize zum Erwerb von Bitcoins oder zum Mining geben. Und dass der Erfinder damit absahnt, ist doch völlig legitim.
Sirko Zidlewitz
6. Juni 2011 um 14:19
Es geht mir nicht darum, dass Satoshi (und alle weiteren EA) einen Vermögensvorsprung besitzen. Das sei ihnen gegönnt.
Der Knackpunkt ist, dass sich Bitcoin aktuell auf ein korruptes und kaputtes Wertesystem bezieht und damit alle Vorteile einer virtuellen Währung zunichte gemacht werden. Wenn der Wert eines Bitcoins nicht in Dollar sondern in Vertrauen (et al.) gemessen würde, bestünde diese Gefahr meines Erachtens nicht. Damit würde Bitcoin auch weniger angreifbar (siehe oben ab “Wenn ich eine Bank wäre…”).
Das Problem von Bitcoin scheint mir zu sein, dass zuerst die Währung da war und sich die Leute im Anschluss überlegt haben, was man damit alles anstellen kann. Es liegt wohl nahe, sich zunächst dem Reichwerden zuzuwenden… derzeit gehe ich davon aus, dass Bitcoin nichts anderes als ein Börsenspiel ist. Vielleicht beruhigt sich das wieder, sobald die Wechselkurse wieder Bodenhaftung bekommen. Ich hoffe es, erwarte es aber nicht.
Michael
6. Juni 2011 um 14:49
Solange die Leute nur minen und nicht wirklich irgend etwas mit BitCoins kaufen, ist BitCoin keine Währung, sondern ein reines Spekulationsobjekt. Aber mir ist’s lieber, die Spekulanten spielen damit herum, als mit Dingen, die wirklich wichtig sind.
Dragan
14. Juni 2011 um 12:07
[...] brach der Kurs ein und die Sicherheitsdebatte wurde ausgedehnt. Letztendlich haben sich viele Menschen Gedanken zu dem Thema gemacht und viel spekuliert. Auch Symantec hat mit der Entdeckung eines [...]
币 Bitcoins [฿] « hep-cat.de
30. Juli 2011 um 00:45